
Kampagne für Jewish Places, Jüdisches Museum Berlin›Jüdisches Museum Berlin
Jüdisch in Kiez und Kaff
Auf jewish-places.de stehen mehr als 15.000 Orte jüdischen Lebens in Deutschland. Synagogen und Friedhöfe, aber auch Sportvereine und Modegeschäfte. Die meisten liegen in Straßen, durch die täglich Menschen gehen, die nichts von ihnen wissen.
Warum das zählt, steht im Jahresbericht des Bundesverbands RIAS: 8.725 antisemitische Vorfälle für 2025, im Schnitt 24 am Tag. Geschäftsführer Benjamin Steinitz sagte bei der Vorstellung, Antisemitismus treffe Jüdinnen und Juden im Alltag und bedrohe damit die demokratische Kultur insgesamt.
Eine Karte im Browser erreicht diese Menschen nicht.
Das Jüdische Museum Berlin betreibt Jewish Places seit 2018 als partizipative Plattform: Nutzer:innen legen Orte an, ergänzen Einträge, laden Fotos hoch. Zum 25-jährigen Bestehen des Museums sollte die Karte in den Stadtraum. NORDSONNE IDENTITY hat die bundesweite Kampagne dafür entwickelt und umgesetzt, begonnen mit einem gemeinsamen Workshoptag im November 2025.


Bundesweite Klammer, sieben lokale Auftritte
Die Kampagne arbeitet auf zwei Ebenen. Bundesweit macht sie die Plattform bekannt und lädt zum Mitmachen ein, lokal wird sie konkret: in Dessau, Dresden, Göttingen, Lübeck, Paderborn, Worms und Würzburg.
Diese sieben Städte hat das Museum bewusst gemischt. In Worms steht der älteste erhaltene jüdische Friedhof Europas, andernorts muss jüdische Kultur im Stadtbild erst wieder sichtbar werden. Aus der Mischung kommt die Kampagnenlogik, die wir im Workshop mit dem Team entwickelt haben: erst der Ort, dann die Menschen, dann der Alltag.
Ein Plakat, das eine Synagoge erklärt, spricht Menschen an, die ohnehin hinsehen. Ein Plakat, das eine Stadtbücherei zeigt, deren Gründer jüdisch war, erwischt auch die anderen. Genau die stehen in unserer Zielgruppenanalyse im Zentrum: Lehrkräfte und geschichtsinteressierte Berufstätige.


Ein Baukasten, der jeder Stadt ein Gesicht gibt
Für die Gestaltung haben wir ein modulares Designsystem gebaut: Farbflächen, die sich überlagern und wie Kartenausschnitte lesen, dazu eine Typografie, die den Claim im Vorbeigehen lesbar hält. Jede Stadt bekommt darin ihre eigene Farbe, ohne dass die Kampagne auseinanderfällt. Das Corporate Design des Museums bleibt erkennbar.
Aus dem Baukasten entstanden zehn Plakatmotive, sieben Key-Visual-Varianten, animierte Fassungen für digitale Stelen und Vorlagen für Anzeigen und Social Media. Ausgeschrieben war ein Key Visual.

Warum der Claim noch einmal wechselte
»Jüdisch in Kiez und Kaff« stellt fest. Der Claim nennt jüdisches Leben in einem Atemzug mit Großstadtviertel und Dorf und erklärt dabei nichts. Lokal übersetzen ihn »Jüdisch in Dessau« oder »Jüdisch in Worms«.
Dieser Claim war nicht der erste. Eine frühere Richtung arbeitete mit einem jiddischen Begriff und war im Haus bereits abgestimmt. Dann kamen Rückmeldungen aus jüdischen Communities, und sie gingen weit auseinander: Für die einen saß der Begriff genau richtig, für die anderen war er eine Exotisierung. Das Museum und wir haben die Richtung gemeinsam verworfen und in der Claimentwicklung neu angesetzt, mitten in der Produktionsplanung.
»Ihr habt unsere Einwände ernst genommen und das sehr gut umgesetzt, auch in den Claims.«


Menschen an ihren Orten, ohne Skript
Für das Bewegtbild sind wir gefahren. Auf einer Produktionsreise durch die Kampagnenstädte haben wir Menschen an ihren Orten gefilmt, ohne Studio und ohne Drehbuch — dafür mit einem konkreten Plan. In Dessau erzählt ein Kunsthistoriker vor dem Bauhaus, wie viele jüdische Künstler:innen es mitgebaut haben. Am selben Tag spricht der Verwaltungsleiter der jüdischen Gemeinde vor der Weill-Synagoge, dem ersten Synagogenneubau in Sachsen-Anhalt seit dem Krieg.
In Dresden erzählt der Vorsitzende des Stadtfeuerwehrverbands, wie 1938 ein Feuerwehrmann den goldenen Davidstern der Semper-Synagoge aus dem Brand holte. Die Synagoge war an unserem Drehtag gesperrt. Also filmten wir ihn dabei, wie er ein historisches Foto des Sterns betrachtet, eine Lösung, die im Schnitt besser funktionierte als die geplante Einstellung.
Wie diese Drehtage abgelaufen sind, erzählen wir im Making-of Zwischen Bauhaus und Feuerwache. Die Videoproduktion lag bei uns.
Reel aus Dresden. Video: NORDSONNE IDENTITY/Konstantin Börner
Was seit Juni im Stadtraum steht
Seit Juni 2026 ist die Kampagne im Land. Zehn Plakatmotive im Großflächenformat 18/1, drei bundesweite und sieben stadtspezifische. Dazu Plakate, Animationen für digitale Stelen, Anzeigen in den lokalen Tageszeitungen aller Kampagnenstädte sowie Flyer in einer allgemeinen und sieben lokalen Fassungen. Auf Instagram erzählen sechs Reels von den Städten.
»Wir merken auf der Website gerade deutlich mehr neue Accounts. Leute legen Sachen an. Da tut sich was.«
Beim Museum liegen jetzt das Designsystem und die Vorlagen für Motion und Social Media. Und auf der Karte kommen Orte dazu, die vorher niemand vermerkt hatte.











