Zwischen Bauhaus und Feuerwache

Die Synagoge ist zu. Abgesperrt, ausgerechnet an unserem Drehtag.
Also sitzt der Mann in Feuerwehruniform an seinem Schreibtisch in Dresden und schaut auf ein altes Foto: ein goldener Davidstern, den in der Pogromnacht 1938 ein Feuerwehrmann aus der brennenden Semper-Synagoge geholt und versteckt hat.
Solche Geschichten haben wir gesucht. Das Jüdische Museum Berlin betreibt seit 2018 die Karte Jewish Places, NORDSONNE IDENTITY hat daraus zum 25-jährigen Bestehen des Museums eine bundesweite Kampagne gemacht. Warum das nötig war, steht im Jahresbericht des Bundesverbands RIAS: 8.725 antisemitische Vorfälle für 2025, im Schnitt 24 am Tag. Geschäftsführer Benjamin Steinitz sagte bei der Vorstellung, Antisemitismus treffe Jüdinnen und Juden im Alltag und bedrohe damit die demokratische Kultur insgesamt.
Wer den Alltag erreichen will, muss aus dem Browser raus.


Sieben Städte, in denen jüdisches Leben verschieden sichtbar ist
Die Kampagne besteht aus Plakaten in sieben Städten und aus Filmen, die in fünf davon entstanden sind. Dessau, Dresden, Göttingen, Lübeck, Paderborn, Worms und Würzburg hat das Museum ausgesucht, und zwar bewusst gemischt: In Worms steht der älteste erhaltene jüdische Friedhof Europas, in anderen Städten muss man erst suchen, um etwas zu finden.
Auf der Plattform stehen inzwischen über 15.000 Orte, eingetragen von Nutzer:innen, Gemeinden und Heimatvereinen. Synagogen und Friedhöfe, klar. Aber eben auch Sportvereine, Modegeschäfte, Bibliotheken. Dem Museum ist wichtig, dass die Karte jüdische Gegenwart zeigt und nicht nur Erinnerungsorte.
Genau daran hing unsere Kampagnenlogik, die wir an einem Workshoptag im November mit dem Team entwickelt haben: erst der Ort, dann die Menschen, dann der Alltag. In dieser Reihenfolge.
Wie die fertige Kampagne aussieht, steht im Case Jüdisch in Kiez und Kaff.
Den Kampagnen-Claim haben wir nochmal geändert
Zuerst hieß er anders. Unsere erste Richtung arbeitete mit einem jiddischen Wort, eins von denen, die im Deutschen fast verständlich sind und trotzdem kurz irritieren. Im Haus war die Richtung abgestimmt, die Produktionsplanung lief.
Dann kamen die Rückmeldungen aus jüdischen Communities.
Für die einen saß das Wort genau richtig, warm und selbstverständlich. Für die anderen war es eine Exotisierung, der Griff ins Jiddische als Markierung von etwas Fremdem. Eine Stadt schrieb, sie mache gerade wegen dieses Worts mit. Eine andere schrieb, sie habe damit ein Problem. Beide Seiten hatten gute Gründe, und keine von beiden ließ sich wegdiskutieren.
Also haben wir die Richtung gemeinsam mit dem Museum verworfen und nochmal neu angesetzt. Mitten in der Produktionsplanung, da war plötzlich richtig Zeitdruck. Herausgekommen ist »Jüdisch in Kiez und Kaff«, lokal übersetzt zu »Jüdisch in Dessau« oder »Jüdisch in Worms«. Zehn Plakatmotive sind daraus geworden, drei bundesweite und sieben für die einzelnen Städte.


Die Mikwe im Keller, von der kaum jemand weiß
1895 stimmt die jüdische Gemeinde in Göttingen ab: Orgel oder Mikwe. Das Geld reicht nur für eines, die Mehrheit will die Orgel. Eine Minderheit, darunter die Familie Löwenstein, baut sich daraufhin 1899 ein eigenes Haus, mit Tauchbad im Keller. Hundert Jahre später entdeckt ein Hausbesitzer das Becken beim Renovieren. Heute ist es wieder in Gebrauch.
Gestritten wurde da über Liturgie, über Geschmack, über Geld. Also über die Dinge, über die sich Gemeinden immer streiten.
Diese Geschichte steht in keinem Reiseführer, und ohne die Leute vor Ort hätten wir sie nie gefunden. Dasselbe gilt für fast jeden Ort, an dem wir gedreht haben. In Dessau erzählt ein Kunsthistoriker vor dem Bauhaus, wie viele jüdische Künstler:innen daran mitgebaut haben; ein paar Straßen weiter steht der Verwaltungsleiter der jüdischen Gemeinde vor der Weill-Synagoge, dem ersten Synagogenneubau in Sachsen-Anhalt seit dem Krieg, benannt nach der Familie von Kurt Weill, dessen Vater hier Kantor war. In Würzburg führt ein Historiker zur Marienkapelle, unter der irgendwann die mittelalterliche Synagoge der Stadt verschwunden ist. In Göttingen zeigt eine junge Rabbinerin eine Fachwerksynagoge von 1825, die jahrzehntelang als Scheune diente, bis jemand sie abtrug, restaurierte und 2008 neu einweihte.

Dresden. Foto: Konstantin Börner/NORDSONNE IDENTITY
Am Schneidetisch haben wir unser eigenes Format aufgemacht
Unser Videokonzept hieß »Kieztour«: eine Person, zwei Orte, schnell geschnitten, Hookline vorn, Social-Media-Logik. Auf dem Papier funktioniert das.
Am Drehtag standen dann Menschen vor der Kamera, die ihren Gegenstand seit Jahrzehnten kennen und noch nie einen Zehn-Sekunden-Satz formuliert haben. Ein Kunsthistoriker holt aus, weil sein Gegenstand das verlangt.
Also haben wir im Schnitt das Format aufgemacht. Ruhiger, mit längeren Passagen, näher dran an dem, wie diese Menschen tatsächlich reden. Sechs Reels sind daraus geworden, weil Dessau zwei Geschichten hergab. Sie sehen anders aus als geplant und funktionieren besser.
Die Reihenfolge war falsch herum. Wer mit echten Menschen arbeitet, sollte über die Form erst entscheiden, wenn feststeht, wer vor der Kamera steht.


Was ihr davon mitnehmen könnt
Wenn ihr in einem Museum, einer Stiftung oder einer Kulturinstitution über eine Kampagne zu einem sensiblen Thema nachdenkt: Fangt bei den Orten an. Orte kann man überprüfen, sie gehören einer Nachbarschaft, und sie liefern euch die Menschen gleich mit. Wer mit einer Botschaft anfängt und dann Orte dazu sucht, landet bei Beliebigem.
Rechnet damit, dass sich die Rückmeldungen aus den Communities widersprechen, um die es geht. Das ist kein Zeichen dafür, dass im Prozess etwas falsch läuft. Bei uns hat es zu einem anschlussfähigeren und damit geeigneteren Claim geführt.
Und plant die Vorgespräche selbst, auch wenn eine Partnerorganisation die Kontakte hat. Fragt darin nach dem Wissen und danach, wie jemand vor einer Kamera zurechtkommt.
Der Davidstern aus dem alten Foto ist übrigens nicht verschwunden. Er hängt heute in der neuen Dresdner Synagoge, ein paar hundert Meter von der Stelle entfernt, an der er 1938 aus dem Feuer kam. Man muss nur wissen, dass es ihn gibt.









