Countdown Freiberg: Wissenschaft im Minecraft-Format

Ein rätselhafter Kristall bedroht Freiberg — und wer ihn aufhalten will, muss etwas über Rohstoffe, Kreislaufwirtschaft und kluge Entscheidungen lernen. Klingt nach einem Videospiel? Ist es auch. Am 24. Juni feierten Forschende, Lehrkräfte und Neugierige im Forschungsbergwerk der TU Bergakademie Freiberg den Launch von »Countdown Freiberg«, einem minecraft-basierten Abenteuer, das Forschung in die Lebenswelt junger Menschen holt. Das Spiel ist kostenlos online spielbar. Wir haben es von Anfang an begleitet.
»Solche Spiele sind letztlich eine moderne Form des Geschichtenerzählens.«
Dieser Satz fiel beim Launch. Er klingt nach Lob, ist aber eigentlich eine These: Wissenschaft hat schon immer Geschichten gebraucht, um gehört zu werden. Forschungsergebnisse werden erst zu Erkenntnissen, wenn jemand erklärt, warum sie zählen — durch Narrative, nicht durch Datenpunkte allein.
Und selten war das so relevant wie jetzt. Die TU Bergakademie Freiberg (TUBAF) ist Europas Ressourcenuniversität: Bergbau, Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Baustoffe aus industriellen Reststoffen sind ihr Forschungsalltag. Und Rohstoffe stehen politisch so weit oben wie seit Jahren nicht. Seit Mai 2024 verpflichtet der EU Critical Raw Materials Act Europa, seine Abhängigkeit von Drittländern bei kritischen Rohstoffen zu senken. Der BDI weist darauf hin, dass der Erfolg auch davon abhängt, ob Kommunen gesellschaftliche Akzeptanz für die nötigen Projekte schaffen. Akzeptanz aber entsteht erst, wenn Menschen ein Thema verstehen — genau da setzt Wissenschaftskommunikation an.


Prorektor für Forschung und Transfer, Prof. Dr. Jutta Emes, Rektorin der TU Bergakademie Freiberg; Foto: Andreas Hiekel
Das Problem: Geopolymer-Zement, Abraum, kritische Mineralien klingen nicht nach etwas, mit dem man seine Freizeit verbringt. Wer damit Jugendliche erreichen will, muss dort arbeiten, wo ihre Aufmerksamkeit ohnehin schon ist.
Hier kommt 4Transfer ins Spiel. Der Innovationsverbund vereint vier sächsische Partnerinstitutionen — neben der TUBAF die Duale Hochschule Sachsen, die Hochschule Meißen und den Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen — und wird durch die Bund-Länder-Initiative »Innovative Hochschule« gefördert. Sein Ziel: Wissens- und Technologietransfer aus der Forschung in Wirtschaft und Gesellschaft. Mit Countdown Freiberg wollte 4Transfer eine Zielgruppe erreichen, die klassische Wissenschaftsformate meist auslassen: Schüler:innen ab 14, Klassen 8 bis 13.
Die Frage, die das Team an uns als Agentur für Wissenschaftskommunikation stellte, war unbequem konkret: Wie baut man ein Spiel, das wirklich gespielt wird? Unser Storytelling musste dafür bei den Forschungsinhalten anfangen, nicht bei der Spielmechanik.

Dr. Stephan Meschke (Projektleitung), Viola Meijer (Projektleitung NORDSONNE IDENTITY) und Anja Solf-Hofbauer (Standortmanagement) von 4Transfer im Gespräch (vlnr), Foto: Andreas Hiekel
Ein Spiel ohne richtige Antwort
Den Ausgangspunkt bildeten thematisch dichte Forschungsinhalte ohne klare Erzählform. Unsere Aufgabe: daraus eine spielbare Geschichte machen, die wissenschaftlich korrekt und für 14-Jährige trotzdem spannend ist. Kein triviales Versprechen.
In den meisten Spielen gibt es eine Gewinnlogik — wer die bessere Entscheidung trifft, kommt weiter. Für Themen wie Rohstoffpolitik oder Kreislaufwirtschaft ist das eine Vereinfachung, die der Sache schadet. Hier gibt es keine richtige Antwort, nur Abwägungen, die von Werten und Zeithorizonten abhängen.
Für Countdown Freiberg war die Gewinnlogik deshalb von Anfang an ausgeschlossen. Die drei Spielfiguren Finn, Dr. Chen und Rio durften keine Folie für die eine »richtige« Lösung sein. Alle drei mussten gute Gründe für ihre Haltung haben. Das heißt: Jede Entscheidung gegen eine Figur gibt ein echtes Argument auf. Das zu schreiben war aufwändiger als jede Spielmechanik — und es war die inhaltlich konsequenteste Entscheidung im ganzen Projekt.

Das Key Visual zu »Countdown Freiberg«
Drei Figuren. Drei Optionen.
Im Spiel begleiten drei Figuren die Spieler:innen durch 13 Quests an realen Orten in Freiberg. Finn, Doktorand im Geopolymerlabor, denkt in Möglichkeiten und akzeptiert Risiken. Dr. Chen, Leiterin des Grubenbetriebs, priorisiert Effizienz. Rio, Umweltingenieur:in, warnt vor dem, was in zwanzig Jahren folgt.
Welchem Ansatz folgt ihr? Es gibt keine Musterlösung — das ist die wichtigste Erkenntnis des Spiels.
Die Spielorte gibt es wirklich: die Reiche Zeche als Forschungs- und Lehrbergwerk der TUBAF, die terra mineralia im Schloss Freudenstein mit einer der größten Mineraliensammlungen der Welt und die Halde Münzbachtal als aktiven Forschungsstandort für Rohstoffnachnutzung. Auch der Geopolymerziegel, den Spieler:innen entwickeln, basiert auf laufender Forschung: An der TUBAF wird an Geopolymeren als nachhaltiger Betonalternative aus industriellen Reststoffen gearbeitet, die sonst als Abraum gelten.


Der Ernst des Spiels
Jugendliche brauchen keinen Lernmodus, um sich für Forschung zu interessieren. Sie brauchen eine Situation, in der die Fragen fast nebenbei auftauchen. Wer Countdown Freiberg durchspielt, hat am Ende keine fertige Antwort — aber weiß mehr über das Problem.
Das Schwierigste war dabei nicht die Technik. Es war die institutionelle Entscheidung, diesen Weg überhaupt zu gehen: ein für eine Universität so ungewöhnliches Format zu wählen und es gleich der größtmöglichen Öffentlichkeit zu präsentieren, dem Internet. Dr. Stephan Meschke, Verbundmanager von 4Transfer, brachte das beim Launch auf den Punkt:
»Ideen sind nichts. Irgendwann muss man zu dem Punkt kommen und sagen: Jetzt machen wir das.«

Volles Haus beim Launch von »Countdown Freiberg«; Foto: Andreas Hiekel
Wie NORDSONNE IDENTITY dieses Projekt unterstützt hat
Von der ersten Idee bis zum Launch haben wir in diesem Projekt:
- Story und Spielstruktur entwickelt
- die Programmierung der Spielmechaniken begleitet
- Design und Erscheinungsbild gestaltet
- Reflexionskarten und Unterrichtsmaterialien für Lehrkräfte produziert
- die Website countdown.tu-freiberg.de aufgebaut
Zur Begleitkommunikation gehört auch eine Influencer-Kooperation, die auf unsere Empfehlung zurückgeht: Herr Bergmann, einer der größten deutschsprachigen Minecraft-Creator, hat den Launch-Trailer produziert, vollständig innerhalb von Minecraft. Schon eine Woche nach dem Launch hatte der Trailer über 100.000 Aufrufe — und in den Kommentaren überwiegt das Lob für die Idee.
Wie gut das Format ankommt, zeigt auch die Nutzung: Nach knapp zwei Tagen hatten 150 Spieler:innen bereits rund 110 Stunden im Spiel verbracht, manche kamen bis zu sechsmal zurück. Wer einmal eingefahren ist, bleibt offenbar.
Countdown Freiberg ist ab sofort kostenlos spielbar. Alle Informationen, die Spielzeit von 20 bis 90 Minuten sowie Reflexionskarten und Unterrichtsmaterialien für Fächer, AGs und Projektwochen gibt es unter countdown.tu-freiberg.de. Am 10. Dezember stellt 4Transfer das Projekt beim Forum Wissenschaftskommunikation vor.


Danke an alle, die mitgebaut haben
Ein Projekt wie Countdown Freiberg entsteht nur, wenn viele Hände zusammenkommen. Die Spielwelt in Minecraft haben Wadim Astafurov und das Team von HeroPixel Games gebaut. Dominik Fuchs hat die Plotwelt mitgestaltet und uns beratend begleitet, Nico Niggemann und Thilo Lochthofen haben die Spielmechaniken programmiert. Ihnen und allen weiteren Beteiligten danken wir herzlich — ohne ihr Engagement wäre aus der Idee kein spielbares Abenteuer geworden.